Wild, sehnsüchtig, voller Aufbruch
Und am Ende das Meer
Coming-of-Age-Roman von Thorsten Dörp
von Thorsten Dörp
Peter Hildebrandt, nach einem Design von Thorsten Dörp
Erscheint ca. Mitte Juni 2026
Und am Ende das Meer
»Eine rasant-liebenswürdig-ergreifende Coming-of-Age-Geschichte, leicht erzählt und von bittersüßer Wahrheit. Thorsten Dörp bereichert die Popliteratur um eine frische, originelle Stimme, der sich nur wenig in den Weg zu stellen vermag.« Tom Liehr
„Und am Ende das Meer“
von Thorsten Dörp
ca. 224 Seiten, Format 13 x 20 cm, Softcover mit Klappenbroschur
Preis: 17,00 EUR (D), 17,50 EUR (A)
In Vorbereitung – jetzt vorbestellen im Online-Shop
PMLakeman-Verlag
ISBN 978-3-911187-07-7
»Eine rasant-liebenswürdig-ergreifende Coming-of-Age-Geschichte, leicht erzählt und von bittersüßer Wahrheit. Thorsten Dörp bereichert die Popliteratur um eine frische, originelle Stimme, der sich nur wenig in den Weg zu stellen vermag.« Tom Liehr
Sommerhit
Kasper hielt den Brief mit den abgewetzten Rändern in die Luft, etwa eine halbe Armlänge vor seiner Nasenspitze. Er kniff erst das eine, dann das andere Auge zusammen, so lange, bis die Zeichen zu springen begannen – wie zu einem Lied. Lieder mochte er, erst recht, seit Patricia in sein Leben getanzt war. Wie ein Sommerhit, der plötzlich überall war! Sie, das Mädchen mit der Tätowierung am Hals. Das lag jetzt gut ein Jahr zurück …
Jenischpark. Früher April.
Kasper saß auf der Holzbank, oben auf dem Hügel zwischen zwei Buchen, deren blattlose Kronen sich hoch über ihm berührten. Er strich sich über die Augen und schmeckte Salz auf seinen Lippen. Er starrte hinaus in das Grau und auf die Containerschiffe, die sich durch die Fahrrinne der Elbe schoben. Es war kühl. Er hatte den Kragen seiner Jacke bis unter das Kinn gezogen und die Kapuze über den Kopf geworfen. Ihr Brief lag zusammengefaltet neben ihm auf der Bank. Der Falz glich einer Narbe. Er hatte keine Ahnung, wie oft er ihre Worte schon gelesen hatte – hundertmal? Zweihundert?
Vor seinen Füßen stand sein Rucksack, prall gefüllt mit siebzig Litern neuem Leben; wie ein Hund, der nur darauf wartete, dass Herrchen endlich aufstand.
Der Jenischpark war ein Ort voller Erinnerungen, und Kasper überlegte, wann er das letzte Mal hier gewesen war. Als es seine Familie noch gab, besuchten sie diese Anlage regelmäßig; es war ihr gemeinsames Sonntagsritual. Herausgeputzt. Zuverlässig. Zuerst ging es zum Essen ins Jacobs, anschließend schlenderten sie durch den Park – er, seine Eltern und Julius. Nach Coq au Vin oder Seezunge in Salbeibutter ging es am Wasser entlang – da konnte das Wetter machen, was es wollte: Sie gingen, verdauten und sahen den Schiffen hinterher.
Als ihr Vater die Neue kennenlernte, hörte es schlagartig auf. Alles hörte schlagartig auf. Es gab keine Seezunge mehr, das Lachen der Mutter versiegte, und das gemeinsame Haus hörte auf, ein gemeinsames Zuhause zu sein. Julius verschwand von einem Tag auf den anderen und kam einfach nicht mehr zurück. An diesem Tag lief im Fernsehen eine Sendung über den Regenwald und die Vertreibung indigener Völker. Daran erinnerte Kasper sich besser als an die Trostlosigkeit seiner Eltern. Das Haus wurde zu einem Gespensterschloss. Nach und nach verschwanden die Bilder an den Wänden, später dann der Geruch. Der Vater wurde zum seltenen Gast und schließlich zu einer Erinnerung. Der Sommer fand ohne ihn statt. Erst wenige Wochen vor Weihnachten stand er wieder vor der Tür – mit neuen Bildern und einer anderen Familie.
Seine Mutter zog mit Kasper in eine Gegend, die das genaue Gegenteil von Blankenese war. Die neue Wohnung war eng, die Wände dünn. Kaum waren Betten, Schränke und Tische aufgebaut, suchte Mutter Trost in der Gesellschaft von Nagetieren. Zunächst waren es zwei Hamster und ein paar Mäuse, dann kam sie mit einer Box Meerschweinchen nach Hause – eines braun, das andere schwarz. Beide erhielten noch Namen, doch im Laufe der Wochen wurden es immer mehr Käfige. Irgendwann bewegten sich die Laufräder tags wie nachts, und während der Gestank von Kot und Urin zuerst nur ihrem Schlafzimmer die Luft nahm, verteilten sich die Viecher bald auch in den anderen Räumen.
Eines Tages entdeckte Kasper eine angefressene Tapete in seinem Zimmer. An diesem Tag tauchte er in die Sprachlosigkeit ab. Mehr als acht Monate lang sagte er keinen einzigen Satz – kein Wort, keine Silbe. Erst an seinem siebzehnten Geburtstag platzte es aus ihm heraus: Sein ganzer Schmerz ergoss sich wie aus einer eitrigen Wunde – die Familie, der leere Geburtstagstisch – er verfluchte das Leben, er verfluchte die Wohnung, die Schwermut und den Sperrmüll, in dem sie lebten, er verfluchte jedes einzelne Tier, das ihre Räume in Beschlag genommen hatte!
Kasper hatte die Jacke vom Haken gerissen und war zur U-Bahn gelaufen. Seine Mutter lag noch im Bett, wie schon seit Wochen. Sie und das Bett waren zu einer Einheit verschmolzen und nur noch beim genauen Hinsehen voneinander zu unterscheiden.
Als die Bahn hielt, taumelte eine Gruppe Betrunkener aus dem Abteil. Kasper entschied sich für die hintere Tür. Es folgte ein Piepen, dann knallten die Türen und die Bahn setzte sich in Bewegung.
Das Surren ging in vertrautes Rattern über und die Stadt hinter der Scheibe veränderte sich von grau zu grün. Zwanzig Stationen später stieg Kasper am Blankeneser Bahnhof aus. Er blickte über den Vorplatz. Nichts hatte sich verändert, alles hatte sich verändert. Den Weg zwischen der Hauptstraße und den Alleen mit den prunkvollen Häusern kannte er auswendig. Zwanzig Minuten Fußmarsch, manchmal weniger – so wie heute.
Er hatte nicht vor, zu klingeln. Stattdessen schlich er um die Villa und kletterte an der Stelle über die Pforte, an der ihn keine der Kameras erfassen würde. Vorsichtig folgte er der fensterlosen Hausseite in den Garten und hockte sich neben die alte Kastanie, an deren Ast früher einmal seine Schaukel gebaumelt hatte, und beobachtete das neue Familienglück durch das streifenfrei saubere Terrassenfenster.
Sie saßen zu viert am Tisch, lachten miteinander und reichten sich Marmelade oder Tomatenscheiben. Er fühlte die Ungerechtigkeit in seinem Magen rumoren. Es war sein Frühstückstisch! Er hätte dort sitzen sollen, nicht diese fremden Kinder mit ihren Kack-Frisuren. Es war sein Geburtstag! Auf dem Tisch hätte sein Lieblingskuchen stehen sollen – der, mit der daumendicken Schokoladenschicht – zwischen bunt eingepackten Geschenken. Er hätte die Kerzen ausgepustet und dem Rauch nachgesehen, sich etwas gewünscht, und seine Eltern hätten ihm dabei ein Ständchen gesungen.
Mit hektischen Pupillen beobachtete Kasper, wie sein Vater aufstand und in die Küche ging. Hatte er früher jemals so gelächelt? Er erinnerte sich nicht daran. Warum ausgerechnet jetzt?
Wolken zogen auf.
Kasper hatte am U-Bahn-Kiosk einen Träger Bier und billigen Schnaps gekauft. Er öffnete eine der Flaschen mit einer verrosteten Metallstange, die im Rasen lag. Ein kurzer Schlag, dann setzte er die Lippen an den Flaschenrand. Er schloss die Augen und kippte die Flüssigkeit hinunter. Nach zwei weiteren Flaschen drückte der Schaum gegen die Brust und seine Füße wurden schwer. Oder leichter. Wusste er nicht genau. Er griff zum Schnaps und drehte den Deckel ab. Es roch scharf. Intensiv. Die Flüssigkeit brannte. Dann hörte er ein Scheppern – es kam vom Haus. Auch die Stimmen. Aufgeregte Stimmen. Laut und schrill. Kasper sah in seine leere Hand und erkannte seinen Vater, wie dieser durch die geborstene Glastür in den Garten stürmte. Auch jetzt in seinen braunen Lederschuhen! Julius und er hatten sich immer gefragt, ob er die Dinger selbst beim Schlafen trug. Kasper lachte; dabei wurde ihm erst heiß, dann kalt, und mit einem Mal hörte er jemanden seinen Namen rufen. Das Lachen verstummte schlagartig, und an seinem siebzehnten Geburtstag erhielt Kasper die allererste Ohrfeige seines Lebens.
Die Beamten hatten den Streifenwagen im Hinterhof abgestellt. Mit glühender Wange und gesenktem Kopf war Kasper den Polizisten zur Haustür gefolgt, hin zu einem Eingang mit mehr Klingelknöpfen als Parkplätzen. So oft der Polizist auch klingelte, Kaspers Mutter öffnete nicht. Sie erwartete keinen Besuch, und die Nager, deren Anzahl mittlerweile niemand mehr schätzen konnte, waren schneller aus der Tür, als sie hätte reagieren können. Meistens klingelten die Nachbarn ohnehin nur wegen der Pakete. Davon gab es hier viele. Kaum einer ging noch selbst einkaufen, und sie war schließlich keine Annahmestelle.
»Ist jemand zu Hause?«, fragte der Beamte mit der Mütze in der Hand. Er sah auf seine Armbanduhr, doch Kasper zuckte nur mit den Schultern. Der Polizist fragte erneut, diesmal mit schärferem Ton.
»Meine Mutter geht nicht aus dem Haus.« Kasper reichte dem Polizisten sein Telefon. »Hier ist ihre Nummer, aber Sie müssen anrufen, mein Guthaben ist leer.«
Der Polizist tippte die Ziffernfolge ab, und zu Kaspers Erstaunen ging seine Mutter tatsächlich ran. Wortfragmente wechselten, dann ertönte der Summer. Kasper schlich als Zweiter durch die Tür.
Im Treppenhaus roch es sauer. Vier Stockwerke lang. Die Beamten übergaben Kasper und warfen einen flüchtigen Blick in den Flur. »Kümmern Sie sich um Ihren Sohn«, hatten sie noch gesagt. Darauf schloss Mutter die Tür.
Ab diesem Moment ging alles rasend schnell! Kaum drei Wochen nach dem Vorfall standen die Leute vom Jugendamt vor der Tür – eine Frau und ein Mann. Sie trug ein langes Gesicht, er eine Tasche. Angeekelt inspizierten sie die Räume und achteten darauf, bloß nicht auf eines der Viecher zu treten, die mittlerweile jeden Quadratzentimeter der Wohnung in Beschlag genommen hatten.
Sie redeten auf Kaspers Mutter ein – argumentierten sie mürbe. Mit jedem ihrer Sätze leerte sich Mutters Gesicht, und nach dem dritten Besuch knickte sie im Hagel der Argumente ein.
Auch Kaspers Vater hatte sich eingeschaltet: Die Scheibe habe ihm ein Vermögen gekostet, und das sei der Dank? »Der Dank wofür?«, hatte Kasper gefragt. Am Ende des vierten Besuchs war von einer Jugendeinrichtung in der Nähe von Flensburg die Rede: Trondjul, ein Ort an der dänischen Grenze. Kasper glaubte nicht, was er hörte.
»Und was soll ich da?«, hatte er gefragt – doch eine echte Antwort hatte ihm niemand gegeben. Der Tapetenwechsel solle ihm helfen, Struktur zu finden. Es sei zu seinem Besten.
Er hasste die Menschen vom Jugendamt und ebenso seinen Vater, der all das eingefädelt hatte. Seine Mutter aber tat ihm leid. In diesem Moment verstand Kasper seinen Bruder besser denn je: Auch er würde abhauen, denn so viel war klar – nach Trondjul wollte er auf keinen Fall.

(c) PMLakeman-Verlag
Der Autor Thorsten Dörp
Thorsten Dörp, Jahrgang 1975, lebt mit seiner Familie – jedoch ohne Hund, Katze, Maus – in Hamburg. Er hat nicht als Kurier, Leichenwäscher, Übersetzer oder Taxifahrer gejobbt …

